Vom Weizen und vom Unkraut
- CPV Vorarlberg

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Vom Weizen und vom Unkraut
Wenn wir heute die Nachrichten verfolgen, könnte man meinen, auf der Welt wächst nur noch Unkraut: Kriege, politische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit und eine Gesellschaft, in der immer schneller verurteilt wird. Da fragt man sich unwillkürlich: Warum greift Gott nicht endlich ein?
Im Evangelium erzählt Jesus von einem Feind, der nachts Unkraut auf ein Weizenfeld sät. Interessanterweise wird in der rumänischen, italienischen und spanischen Übersetzung des Evangeliums die konkrete Pflanze genannt, und es handelt sich um den sogenannten Taumel-Lolch. Warum wird es dann in vielen deutschen Bibelübersetzungen einfach mit „Unkraut“ wiedergegeben? Weil die Leser damals wussten, welche Pflanze gemeint war, während der heutige Leser mit „Taumel-Lolch“ wenig anfangen kann. „Unkraut“ vermittelt die allgemeine Bedeutung, verliert aber die botanische Genauigkeit.
In der griechischen Originalsprache heißt es ζιζάνια (zizánia). Auf italienisch und spanisch heißt es ebenfalls zizzania bzw. cizaña. Das ist besonders interessant, weil zizzania im Italienischen nicht nur die Pflanze bezeichnet, sondern auch sprichwörtlich verwendet wird:
- seminare zizzania: Zwietracht säen
- mettere zizzania: Unfrieden stiften, Menschen gegeneinander aufbringen
Diese Redewendungen gehen direkt auf das Gleichnis Jesu in Matthäus 13 zurück.
Eine Pflanze, die dem Weizen täuschend ähnlich sieht, aber giftig ist. Gelangt sie ins Mehl, kann sie Schwindel auslösen, Menschen zum Taumeln bringen oder sogar erblinden lassen. Für einen Bauern bedeutete das den wirtschaftlichen Ruin. Das war also kein dummer Streich, sondern ein böswilliger Anschlag. Im Römischen Reich stand ein solches Vergehen sogar unter Strafe.
Umso erstaunlicher reagiert der Gutsherr im Evangelium. Er bleibt ruhig. Er sagt nicht: „Reißt sofort alles aus!“, sondern: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Warum? Weil man den Taumel-Lolch in jungen Jahren kaum vom Weizen unterscheiden kann. Wer zu früh handelt, reißt womöglich den guten Weizen mit aus.
Ist das nicht auch heute unsere Versuchung? Wir teilen Menschen schnell ein: gut oder schlecht, Freund oder Feind. Ein Kommentar im Internet genügt, und das Urteil ist gesprochen. Jesus warnt uns vor dieser Haltung.
Auch in unserem Herzen wachsen Weizen und Unkraut nebeneinander. Niemand von uns besteht nur aus guten Eigenschaften. Trotzdem gibt Gott uns nicht auf. Gottes Stärke zeigt sich in seiner Geduld und Barmherzigkeit.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger Energie darauf verwenden, das Unkraut bei anderen zu suchen. Sorgen wir lieber dafür, dass der Weizen in unserem eigenen Leben wächst.
Lic. phil. Ioan Sandor
Leiter Pfarrverband
Fußach-Gaißau-Höchst





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