Gastkommentar: MR Dr Albert LINGG - Über das Verschwinden von Mitgefühl

11.02.2019

Über das Verschwinden von Mitgefühl

 

unterhielt ich mich kürzlich mit einem Gegenüber im Zugabteil, der angesichts meiner Lektüre meinen Beruf erraten hatte. Es handelte sich um einen Priester, dem sichtlich auf dem Herzen lag, wie sich das gesellschaftliche Klima ringsum und auch in seiner Gemeinde ins Negative entwickelt habe. Habe es dort zunächst durchaus Bereitschaft zur Mithilfe gegeben, Sammlungen und Einladungen von Flüchtlingen in Vereine, sei die Stimmung teils dann jedoch gekippt.

„Wir haben doch beide etwa zur gleichen Zeit studiert und damals herrschte doch ein ganz anderer Geist. Nun bläst ein kalter Wind, scheinen Regierende mit Hartherzigkeit und Ausgrenzung zu punkten, gehen sie auf unsere Caritas los…Haben Sie als Seelendoktor eine Erklärung? Da lese ich etwa von Psychologen, dass heute vielen das Mitgefühl abgeht, weil sie als Kind zu wenig Nestwärme bekommen haben…“

„Sicher für Einzelne eine Erklärung, nicht jedoch für das Kippen der sozialen Einstellung in vielen Ländern. Während in der Vergangenheit gerade in Notzeiten Menschen, die selbst nur das Nötigste zum Leben hatten, zu teilen bereit waren, scheint es heute gerade in den reichen Ländern daran zu mangeln. Auf Leistung und Selbstverwirklichung getrimmt hat für viele der Solidargedanke keinen hohen Stellenwert mehr. Nicht umsonst sprechen wir von unserer Zeit als der des Narzissmus - Jeder sich selbst der Nächste?

„Man spricht heute oft von einem Empathieschwund in der Gesellschaft – meint Empathie Mitgefühl?“

„Empathie geht über reines Mitgefühl hinaus, bedeutet sich in die Lage des Anderen hineinzuversetzen und danach zu handeln. Was auch Bedeutung hat, dass derzeit vor allem Flüchtlinge aus anderen Kulturen zu uns kommen - dies zum Unterschied etwa der Nachkriegszeit oder Ungarnkrise -, sie einen Kulturschock erleben und viele traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben. Die Mehrzahl dieser Menschen schaffen es jedoch erstaunlich gut sich einzuordnen, doch fallen andere durch Übergriffe und Verbrechen aus der Reihe. Dies gilt es natürlich mit allen Mitteln zu verhindern. Solche Vorkommnisse geben fast reflektorisch reißerischen Verallgemeinerungen an Stammtischen, in Gazetten und Onlineforen Nahrung. Für Helfer sind solche Vorkommnisse, die es selbstverständlich nach allen Möglichkeiten zu verhindern gilt, jeweils wie Nackenschläge, auch sie werden dann mitunter als naive „Gutmenschen“ verunglimpft.   

„Nun, von allen psychologischen und soziologischen Überlegungen abgesehen – müssen wir Christen uns nicht immer wieder an das I. Gebot erinnern, wo im 2. und gleichrangigen Teil „..deinen Nächsten wie dich selbst“ in unserer Zeit wohl die Balance zwischen der Selbst- und Nächstenliebe ordentlich aus der Balance zu geraten scheint?“

Stimuliert über all dies weiter nachzudenken, musste ich meinen Gesprächspartner verlassen und bin mir sicher, dass auch mancher Leser zu all dem Schwierigen eigene Gedanken findet!

 

                                                                                             Albert LINGG

 

 

   

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